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Von Zille zu Prinzessin Zitrinchen

Wissen Sie, was ein "Zielophon" ist? Ein Zielophon hat mit seinem Erfinder Thomas Zieler zu tun. Aber der Reihe nach.
Wer ist Thomas Zieler? Wenn man heute etwas über einen Menschen wissen will, dann fragt man ganz klassisch Freunde, Bekannte und Kollegen oder wie bei Jauch vielleicht das Publikum. Oder man schaut ins Internet und googelt sich an sein Thema heran. Und im Internet stoßen wir im Falle des gesuchten Mannes zunächst auf zwei wichtige Spuren. So stellt sich zum einen heraus, dass der gebürtige Magdeburger, der allerdings im Mansfeldischen Eisleben aufwuchs, aus einer künstlerischen Familie stammt und ursprünglich ein "gelernter" Schauspieler ist.


Thomas Zieler (Foto: Monika Schröder)


Nach dem Abitur an der Martin-Luther-Oberschule in der Lutherstadt studierte er von 1977 bis 1981 an der Leipziger Theaterhochschule "Hans Otto", erwarb dort auch sein Schauspieler-Diplom und hatte gleich großes Glück. Zieler, damals 26-jährig, wurde für einen auch heute noch sehenswerten DEFA-Film entdeckt. Die Produktion hieß "Zille und ick" (Drehbuch und Regie: Werner W. Wallroth) und erzählt sehr frei aus dem Leben des berühmten Berliner Malers Heinrich Zille, der um die Jahrhundertwende knapp über vierzig Jahre alt, von der "Photographischen Gesellschaft" entlassen wird und sich einen neuen Lebensunterhalt als freischaffender Künstler suchen muss. Und Zille will mit seiner Kunst das Leben der armen Leute dokumentieren. Doch die mögen das zunächst gar nicht. Daher stößt Zille, der damals übrigens großartig von dem Schweriner Schauspieler und Chanson-Sänger Kurt Nolze gespielt wurde, zunächst auf Ablehnung und Widerstand. So auch bei der Hinterhofsängerin Jette (Daniela Hoffmann), in die gleich zwei Männer verliebt sind - Zille ein bisschen und ziemlich heftig Schlafbursche Ede Schmidt, ein Berliner Arbeiterjunge. Und mit dieser Rolle sind wir bei Thomas Zieler, der den Ede spielte. Aber genug zu Zille und Zieler. Danach war Thomas Zieler insgesamt 17 Jahre lang vor allem als Theaterschauspieler tätig, unter anderem in Meiningen, Nordhausen, Zittau und in den Jahren von 1990 bis 1995 auch am hiesigen Mecklenburgischen Staatstheater. Zeitweise wechselte er ins Regiefach, arbeitete als Schauspieldozent, leitete mit großem Spaß ein Amateurkabarett in Suhl und später auch eine Gruppe von Amateurschauspielern in Demen. Kommen wir auf die andere Lebensspur.

Immer mehr war Thomas Zieler jedoch mit seinem wandernden Theaterleben unzufrieden und begann aus seinem persönlichen Kapital Nutzen zu ziehen - aus seiner Stimme. Zunächst überzeugte diese Stimme Antenne MV, wo er vom Sendestart 1993 bis 1996 zu hören war. Seit Anfang 2000 ist Thomas Zieler wieder in Sachsen-Anhalt zu Hause und in Magdeburg und Halle als Nachrichtensprecher und Nachrichtenredakteur beschäftigt. Und er wirkte an einem Lehrbuch-Projekt mit, das jungen Nachrichtensprechern zeigen möchte, wie ein guter Nachrichtensprecher sein sollte. Was zeichnet einen guten Sprecher aus? Ein guter Sprecher denkt beim Sprechen und liest nicht nur ab, spricht nicht zu laut (und nicht zu leise), spricht nicht zu schnell (und nicht zu langsam), hat Mut zur Pause (und setzt sie an den richtigen Stellen), vergibt nur eine Hauptbetonung pro Gedanke und geht am Ende eines Satzes mit der Stimme runter. Genau das kann über Thomas Zieler gesagt werden. Und noch etwas: Das größte Kompliment, das man einem Sprecher machen kann, ist: "Ich höre dir gern zu!". Gern hört man jemandem zu, den man nicht nur hört, sondern vor allem auch versteht. Das gilt auch für das Sprechen vor dem Mikrofon. Und Thomas Zieler hört man gern zu. Daraus ergab sich die Überlegung, ob man nicht ein eigenes Studio aufbauen und selbst mit der Produktion von Hörbüchern beginnen sollte? Allerdings ist der Magdeburger, der immer noch enge Kontakte nach und eine Reihe guter Freunde in Mecklenburg hat, ein nachdenklicher und an hoher Qualität interessierter Mann. Und so wurden keine übereilten Entschlüsse getroffen, sondern das Für und Wider sehr lange und genau gegeneinander abgewogen. Erst jetzt, gegen Ende 2005, ist die Idee eines eigenen Hörbuchlabels Wirklichkeit geworden.

Eines seiner ersten Hörbücher präsentiert drei der schönsten Märchen des aus Perlin stammenden mecklenburgischen Schriftstellers Heinrich Seidel (1842 bis 1906): "Das Zauberklavier", "Dolpatsch" und das titelgebende "Prinzessin Zitrinchen". Gesprochen werden die Märchen auf dem Zieler'schen Hörbuch von dem Schweriner Schauspielerkollegen und Freund, Ekkehard Hahn. Und nicht zuletzt wegen dessen Stimme und Vortragskunst darf man sich auf die Hörbuchpremiere von "Prinzessin Zitrinchen und andre Märchen von Heinrich Seidel" freuen, die am 24. November 2005, ab 20.30 Uhr in der Buchhandlung WEILAND am Marienplatz stattfindet. Neben dem Namen des Sprechers, also Ekke Hahn, und dem des Dichters, Heinrich Seidel, findet sich noch ein Name auf der Vorderseite der Hörbuch-CD. Und damit wissen wir endlich, was ein "Zielophon" ist, denn so lautet der Name des Hörbuchlabels von Thomas Zieler, das unter www.zielophon.de auch im Internet zu finden ist. Allerdings ist diese Präsentation zurzeit noch im Aufbau: "Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht das gesprochene Wort", heißt es da. "Gelegentlich wird es aber auch Ausflüge in die Musik geben. Alles braucht Zeit, um wachsen zu können. Dieser Seite geht es nicht anders." Lassen wir uns also überraschen, freuen wir uns zunächst auf "Prinzessin Zitrinchen" - dessen Puppenspielfassung hübscherweise bereits am 20. November 2005 (Sonntag, 14.30 Uhr) im E-Werk Premiere hat - und hoffen wir auf weitere Hörbücher, vielleicht auch mit anderen Texten von Heinrich Seidel. Der war bekanntlich auch ein Ingenieur und hätte als kreativer Kopf sicher seine Freude daran gehabt, ein Zielophon zu konstruieren. Vielleicht so: "Das Zielophon lässt einen nicht zu Unrecht an die Erfindung des Herrn Edison denken. Genau wie diese ist es ein Instrument, um Freude am Hören zu wecken. Erfunden wurde das Zielophon von einem gewissen Thomas Zieler, vormals Schauspieler und Lebenskünstler, als dieser nach einer Möglichkeit suchte, sich auch über das 50. Jahr hinaus auf dieser Welt mit etwas zu beschäftigen, was ihm und anderen Leuten Freude machte, und für Weihnachtsüberraschungen zu sorgen …"

Jürgen Seidel

(erschienen am 16.11.2005 im "Schweriner Express")

 

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