Die Rezension des Hörbuchs "Mechthild von Magdeburg: Im fließenden Licht" der Zeitung Dresdner Neueste Nachrichten:
CD-Tipp: Mechthild von Magdeburg: Im fließenden Licht.
Die Wiederentdeckung einer Mystikerin
Das Werk Mechthild von Magdeburgs (1207 - 1282), eine der wichtigsten Mystikerinnen Europas, ist lediglich überliefert durch das einzig erhaltene Buch "Das fließende Licht der Gottheit“. Es ist das erste mystische Werk in deutscher Sprache überhaupt und wird als das bedeutendste Zeugnis deutschsprachiger Mystik vor Meister Eckhart bezeichnet. Es spricht darin eine Frau: "Herr, ich wohne in einem Land, das heißt Verbannung. Das ist diese Welt, denn alles, was in ihr ist, kann mich nicht trösten und erfreuen, ohne mir Pein zu bereiten. Darinnen habe ich ein Haus, das heißt schmerzensreich. Es ist das Haus, in dem meine Seele gefangen liegt, mein Leib. Das Haus ist alt, armselig und finster. Dies soll man in geistlicher Weise verstehen.“
Die Schauspielerin An Kuohn spricht die Texte Mechthilds eindringlich und sehr persönlich, was das Nebeneinander von Empfindsamkeit und Stärke Mechthilds sehr nahe bringt. Die Ganzheitlichkeit ihrer Gotteserfahrung, gefasst in eine bildkräftige und sinnliche Sprache, eröffnet Welten weit über die dingliche Alltagserfahrung eines Menschen hinaus, erfasst das Geheimnis des Lebens in seinem viel größeren Zusammenhang von Liebe und Einheit mit dem Göttlichen. Ihre Aufschreie gegen Lüge und Verrat, die Vielschichtigkeit und Konsequenz ihres Denkens warfen theologische Fragen auf, an denen der Klerus sich wundstieß bis zur Androhung der Verbrennung ihres Buches.
Die Auswahl und Zusammenstellung der Texte (Buch, Regie, Schnitt: Thomas Zieler)
ermöglicht außerdem eine Vorstellung vom Lebensweg dieser ungewöhnlichen Frau, die von ihrer adligen Burg herabstieg zu den Ärmsten der Armen und als sogenannte Begine die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe ins Zentrum ihres Lebens stellte. Sie tat dies zu einer Zeit, als die Kirche jede autonome religiöse und theologische Aktivität außerhalb ihres Einflussbereiches misstrauisch beobachtete. Texte von Zeitgenossen, die z. T. vehemente Gegenpositionen einnehmen, und die teilweise in "Das fließende Licht der Gottheit“ schon angelegten Reden und Gegenreden werden von sechs Schauspielern in einen lebendigen Dialog gebracht. Ergänzt werden die Texte mit Liedern von Hildegard von Bingen, interpretiert von Stefanie Schaefer (Gesang, Orgel), Esther Groß (Harfe, Orgel), Andreas Tatus (Gitarre, Percussion) und der Dresdner Gruppe "Das Blaue Einhorn“ mit Karolina Petrova. Sparsam eingesetzte Hörmomente wie das Läuten von Kirchenglocken und vorbeifahrende Autos schlagen Brücken ins Heute, ohne aufdringlich zu sein.
Der letzte Text, der Mechthilds Ende beschreibt, stammt von Gertrud von Helfta, mit der Mechthild in ihren letzten Lebensjahren im Zisterzienserinnen-Kloster Helfta zusammenlebte, arbeitete und dachte. Das Kloster war im 13. Jahrhundert ein geistesgeschichtlicher Mittelpunkt Deutschlands und wurde auch durch die Anwesenheit Mechthilds von Magdeburg zum Zentrum der deutschen Frauenmystik.
Das dramaturgisch interessant gebaute und äußerst sensibel das Wort zur Entfaltung bringende Hörbuch ist eine große Bereicherung für Menschen, die neugierig sind auf neue Denkwelten, und die dabei diese bedeutende Mystikerin entdecken können.
Caren Pfeil
Mechthild von Magdeburg: Im fließenden Licht.
(Zielophon 2008. GEMA. LC 14598. ISBN 978-3-9811291-3-7)
Die CD entstand in Zusammenarbeit mit dem Bistum Magdeburg, das auch das Mechthildjahr von September 2007 bis September 2008 anlässlich deren 800. Geburtstages initiierte.
Dresdner Neueste Nachrichten, 27.12.2008